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[ DOKUMENTE UND ZEUGNISSE ]

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Eduard v. Bülow (Hrsg.), Heinrich von Kleist’s Leben und Briefe. Mit einem Anhange (Berlin: Besser 1848), V-XIV, 1-81, 274f.; darin: 78-81

Kleists Grab

Es ist übrigens bekannt, daß der Schreiber dieser Zeilen mit seiner Auffassung der That, in dem so leicht feuerfangenden Berlin, keineswegs allein stand und daß die so ungemäßigte Partei des Für die nicht hinter ihr zurückbleibende Partei des Wider erst recht aufregte. Die angekündigte Schrift ward durch den Willen einer hohen Person vor dem Erscheinen unterdrückt, und es ist eben so wenig aus dem Denkmal geworden, welches Adam Müller, der noch 1812 Nachrichten dazu sammelte, den beiden Todten setzen wollte. In einem seiner Briefe spricht er davon, daß unter allen europäischen Blättern, die sich mit ihrem Tode befaßt, die Times den ruhigsten und besten Originalartikel darüber gebracht haben.
In einem Briefe an Marwitz, sagt auch Rahel, den 23. Dezember, also sehr bald nach Kleists Tode, von diesem Ereignisse:
„Ich freue mich, daß mein edler Freund, denn Freund ruf ich ihm bitter und mit Thränen nach, das Unwürdige nicht duldete; gelitten hat er genug. Keiner von denen, die ihn etwa tadeln, hätte ihm zehn Thaler gereicht, Nächte gewidmet, Nachsicht mit ihm gehabt, hätt’ er sich ihm nur <79:> zerstört zeigen können. Ich weiß von seinem Tod nichts, als daß er eine Frau, und dann sich erschossen hat.“ u. s. w.
Rahel lebte mit Kleist vertraut und gibt also, indem sie nichts von Henrietten in Beziehung zu ihm weiß, nicht nur einen neuen Beleg dafür, daß das Verhältniß, von dem seine Freunde sonst gewiß gesprochen hätten, kein zärtliches gewesen sein kann, sondern auch, daß wirklich Mangel ein Hauptgrund zu der That war.
Kurz vor seinem Tode hatte Kleist den folgenden Zettel an Rahel geschrieben:
„Obschon ich das Fieber nicht hatte, so befand ich mich doch, in Folge desselben unwohl, sehr unwohl, ich hätte einen schlechten Tröster abgegeben. Aber wie traurig sind Sie in Ihrem Brief; Sie haben in Ihren Worten so viel Ausdruck als in Ihren Augen. Erheitern Sie sich. Das Beste ist nicht werth, daß man es bedaure. Sobald ich den Steffens ausgelesen, bringe ich ihn zu Ihnen.

Ihr
H. v. Kleist.

Es war schon seit längeren Jahren mein Wunsch gewesen, Heinrich von Kleists Grab zu besuchen und ich hatte mich bis ihn mir die Verhältnisse erfüllten, genau nach der Stätte erkundigt, von welcher man mir sagte, daß sie kaum noch aufzufinden sei, und daß die Zeit den Sand der beiden kleinen Hügel von Jahr zu Jahre mehr verwehe.
Ich glaubte dafür halten zu dürfen, daß dies eben so <80:> wohl Deutschlands als unserer Zeit unwürdig sei, und das hohe Talent des unglücklichen Dichters, mit seinen Verdiensten um die deutsche Poesie, den Irrthum seines Todes zur Genüge aufgewogen habe, um der Stätte, an welcher seine Gebeine begraben, eine öffentliche Ehre zu verdienen.
Ich sprach diese Ansicht vor etwa fünf Jahren, in einem aus Berlin datirten Artikel der allgemeinen Zeitung aus, der unter anderen auch in die Berliner Zeitungen überging, und kam einige Jahre später wirklich dazu, das Grab aufzusuchen.
Ich fuhr durch den hügeligen Föhren- und Birkenwald, Glienike vorüber, nach dem Thale des Stimming und wurde von dem Förster des Grundbesitzers, des Schiffbauinspektors Bönisch in Berlin an Ort und Stelle geführt. Der Förster erzählte mir, daß sein Herr vor einigen Jahren einen Zeitungsartikel über das Grab gelesen und ihm darauf befohlen habe, es in Ordnung zu bringen und zu halten, mit Rasen zu belegen, zu umzäunen, Bäume daneben anzupflanzen, und alle Fremden, die es sehen wollten, hinzuführen. Die Dürre des vorletzten Sommers habe seine Sorgfalt zwar noch halb vereitelt; die Erfolge dieses Sommers scheinen aber desto segensreicher zu sein, und würden nicht wenig durch die Tochter des Wirths zum Stimming unterstützt, welche die Gräber in ihre besondere Obhut genommen habe, mit Blumen bepflanze und begieße. Seit jenem Zeitungsartikel, fügte er hinzu, kommen überhaupt viele, zumal junge Leute, aus Berlin zu dem Dichtergrabe, um es zu besuchen und zu bekränzen.
Wir erreichten die einsame versteckte Stelle, an welcher <81:> das Gräberpaar dicht am Rande des hohen, sandigen, mit alten Föhren, Immortellen und Pilzen bewachsenen Ufers der Wansee liegt, von wannen man links über die kleine Wansee bis Stolpe, rechts, über die große, bis zu den zwei Meilen entfernten Thürmen von Spandau sieht. Unten an dem blauen herrlichen Wasser stehen Birken, Weiden und Erlen, und führt ein gebahnter Spaziergang an dem Ufer hin. Eine verfallene Ziegelei steht dabei und für einen dort wohnenden Zimmermann waren Bretter aufgeschichtet.
Ich fand die beiden Gräber kunstlos von Kiefernästen umzäunt, grün bewachsen und zwischen innen eine junge kräftige Eiche stehen. Ich besuchte nach den Gräbern die Tochter des Wirths, Emilie Holzmann, ein junges schönes Mädchen, das mir, wie über ein begangenes Unrecht erröthend, ihre Gutthat an dem edlen Todten eingestand, und dankte ihr im Namen aller Freunde Kleists, dessen Grab ich ihrer ferneren Obhut anempfahl. Da ihr noch nichts von den Werken des hier ruhenden Todten bekannt war, sandte ich ihr ein Exemplar derselben zu, das seinen Namen und Geist, wie ich gehört habe, in der nächsten Umgebung seiner Ruhestätte seitdem schon geehrter gemacht hat.
Dies ist Alles, was ich von Heinrich von Kleists Leben zu sagen hatte.

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Letzte Aktualisierung 22-Jan-2003
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