Briefwechsel

182.

Wien, den 7. Oktober 1819.

Sie schreiben nicht, liebster Freund! Also muß ich schreiben, damit unsere Correspondenz wieder in Gang komme. Denn an Stoff bin ich eben nicht reich. Es herrscht jetzt eine der großen Pausen, die nach wichtigen Vorfällen oder Maßregeln gewöhnlich eintreten, bis das Publikum das, was bei den Regierungen gekocht wurde, gehörig eingenommen und verdaut hat. Bisher wissen wir eigentlich noch nichts, weder im Guten noch Bösen, von der Wirkung der Carlsbader Beschlüsse. Starke Bewegungen erwarte ich auch nirgends, ein dumpfes Mißvergnügen desto gewisser. Alles wird darauf ankommen, wie die Höfe weiter verfahren werden. Dieß aber wird sich nicht eher als in dem Zeitpunkt der Wiener Conferenzen aufklären.

Unterdessen ist die Schrift von Görres die merkwürdigste Erscheinung dieser Tage und ich bin begierig zu vernehmen, was Sie davon denken. Die Publikation dieser Schrift in einem Augenblick, wie der jetzige, kann nichts Gutes stiften; denn auf die große Masse der Leser wird sie einen finstern, den Regierungen feindseligen, keiner guten Sache förderlichen Eindruck machen. Wäre sie bloß in die Hände einer kleinen Anzahl von Auserwählten gekommen, so würde ich sie von sehr vielen Seiten loben und preisen, und im Ganzen nicht anstehen zu erklären, daß das Gute und Treffliche darin das Schlimme weit überwiegt. Sie haben diesen Mann ganz richtig beurteilt und ich danke Ihnen jetzt mehr als jemals, daß Sie das Sendschreiben an ihn erlassen. Er mag sich sträuben wie er will, er mag, von falscher Dialektik oder von einem Hang zu düsterer mystischer Poesie verleitet, oder aus andern noch weniger edeln Gründen, Sand und Löhning fortdauernd in Schutz nehmen, er mag die Einheit von Deutschland und andere Grillen dieser Art mit medicinischen, anatomischen, chemischen, mythologischen Phrasen zu vertheidigen scheinen, in der Hauptsache ist er unser, und kann uns nicht mehr entrinnen. Wer so über die Kirche, über das monarchische Princip in den Verfassungen, über das ständische Wesen u.s.f. schreibt, kann nicht mehr zu den gemeinen Demokraten zurück. Mit dieser Partei ist er nun auf ewig zerfallen, und eine Menge Stellen, die Sie gewiß mit eben so großem Wohlgefallen gelesen haben als ich, können ihm nie mehr verziehen werden. Dieß betrachte ich als einen wesentlichen Vortheil. Auch bin ich überzeugt, <301:> daß die Lektüre Ihrer letzten Schrift sehr stark und glücklich auf ihn gewirkt hat. Vielleicht trug selbst Schlossers Aufenthalt in Carlsbad und die milde Stimmung, in welche wir ihn versetzt hatten, das ihrige dazu bei, diesen Löwen zahmer zu machen. Zum Unglück ist das Buch so schwerfällig geschrieben, mit wissenschaftlichen Anspielungen und gesuchten Bildern so überladen, und manchmal so dunkel, daß praktische Staatsmänner schwerlich den Muth haben werden, sich durchzuarbeiten. Mit hat es einen großen Genuß gewährt, und ich kann wirklich sagen, daß ich es verschlungen habe.

Außer der „Gottesvergessenheit“, die immer obenan stehen muß, ist in der That die Seichtigkeit der Aufgeklärten unserer Zeit die größte Quelle unseres Verderbens. Wenn man mit lauter Menschen wie Görres, als Freunden und Feinden, zu thun hätte, wie bald würde man zu einem siegreichen Einverständniß gelangen! Aber die Anmaßungen der Armseligkeit richten uns zu Grunde. Ich durchlief (ich sage nicht, ich las) vor einigen Tagen das dritte Stück des Hermes. Welche Stümper sind Krug und Consorten! Und doch sprechen die Menschen in einem Ton, als wenn sie alles durchdrungen hätten. Es bleibt bei meinem Satze: „Es soll zur Verhütung des Mißbrauchs der Presse binnen … Jahren gar nichts gedruckt werden. Punktum.“ Dieser Satz als Regel, mit äußerst wenigen Ausnahmen, die ein Tribunal von anerkannter Superiorität zu bestimmen hätte, würde uns in kurzer Zeit zu Gott und zur Wahrheit zurückführen.

Ich werde mich unseres dießjährigen langen Zusammenlebens lange mit lebhafter Freude erinnern. Nur das Schlimme hat es für mich gehabt, daß mir jetzt kein Gespräch mit Andern mehr behagt.

Pilat hat Ihnen im Beobachter von heute in Ansehung der Sparkassen die glänzendste Satisfaction gegeben, welches mich sehr freut.

Gentz.